Hoch über dem Bodetal, dort, wo die Felsen in die Tiefe brechen und der Wind ohne Vorwarnung aufzieht, liegt der Hexentanzplatz. Am Tage erscheint er als eine Hochebene mit beruhigendem Ausblick. In der Nacht jedoch – besonders in der Nacht vom 30. April auf den 1. Mai – ist es ein Ort, den man nicht betrachtet, sondern erlebt.
Alte Harzer Sagen erzählen, dass sich hier, lange bevor der Ort seinen Namen erhielt, Wesen versammelten, die nicht allein zur Welt der Menschen gehörten. Auf diesem Stein, so heißt es, begegneten sich die Kräfte der Natur, die Geister der Erde und jene, die später Hexen genannt wurden. Ihr Tanz war weder chaotisch noch böse; er war der Rhythmus des Übergangs, ein Ritual, mit dem der Winter entlassen und der Frühling herbeigerufen wurde. Deshalb nannte man die Hochebene den Hexentanzplatz – weil der Boden sich an die Schritte erinnerte.
Als die alten Kulte verboten und die heiligen Orte zu Stätten der Gefahr erklärt wurden, endete der Tanz nicht. Er wurde nur unsichtbar. Im Volksglauben hieß es, dass sich in der Walpurgisnacht auf dem Hexentanzplatz Hexen und Geister versammeln, Feuer entzünden, die niemand sieht, und in Kreisen tanzen, die sich nicht messen lassen. Wer sich ihnen zu sehr näherte, hörte Trommeln ohne Ursprung und ein Flüstern, das nicht aus einer einzigen Kehle kam.
In neuerer Zeit haben sich die Berichte verändert, doch sie sind nicht verstummt.
Ein Wanderer aus Magdeburg, der im Jahr 2011 die nächtliche Landschaft der Hochebene filmte, berichtete später, seine Kamera habe etwas aufgezeichnet, das er mit bloßem Auge nicht wahrgenommen hatte: rhythmische Lichtblitze im Nebel, ein sich wiederholendes Geräusch wie das Auftreten von Füßen auf Stein und ein leiser, vielstimmiger Gesang, als sprächen mehrere Stimmen ein und dasselbe Gebet. Er löschte die Aufnahme. Beim Ansehen habe er das Gefühl gehabt, dass sich etwas auf der anderen Seite des Bildes auf ihn zubewegte.
Nachtwächter erzählten von Schatten, die sich nicht wie Schatten verhielten – sie folgten keinem Körper, sondern einem Kreis. Von dem Geruch nach Rauch und Kräutern ohne Feuer. Von Momenten der Orientierungslosigkeit, in denen sie ohne erkennbaren Grund den Drang verspürten, sich im Kreis zu drehen, als zöge der Boden sie in einen Rhythmus. Einer von ihnen gestand, er habe neben dem alten Opferstein eine Berührung an der Schulter gespürt – kalt, aber nicht bedrohlich – und eine tiefe Traurigkeit, als habe ihn jemand gebeten zu bleiben.
Moderne Heiden, spirituelle Suchende und besonders sensible Menschen sprechen von einer kreisförmigen Energie des Hexentanzplatzes. Eine Frau aus Quedlinburg berichtete, sie habe während einer Meditation jedes Zeitgefühl verloren. Ihre Uhr blieb um genau 00:17 Uhr stehen. Als sie wieder lief, zeigte sie 01:04 an. Sie verspürte keine Angst, nur das starke Gefühl, „unter anderen“ gewesen zu sein, obwohl sie niemanden gesehen hatte.
Nach altem Glauben sind die Hexen des Hexentanzplatzes keine Wesen der Finsternis. Sie sind Hüterinnen des Gleichgewichts, jene, die wissen, wie man tanzt, wenn die Menschen verlernt haben, der Erde zuzuhören. Ihr Tanz ist keine Drohung – sondern eine Erinnerung. Man sagt, wer sich zur falschen Zeit auf der Hochebene aufhält, wird die Hexen nicht sehen. Er wird Teil des Tanzes. Nicht mit dem Körper, sondern als Erinnerung, als Flüstern, als Unruhe, die andere spüren, ohne sie erklären zu können.
Darum schwören noch heute manche, dass man, wenn der Nebel tief hängt und der Mond zu groß und zu nah erscheint, ein leises Trommeln vom Hexentanzplatz her hört. Es kommt nicht aus dem Wald. Es kommt nicht aus der Vergangenheit.
Es kommt aus der Erde, die sich noch daran erinnert, wie man tanzt – und die niemals aufgehört hat.
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