Im Herzen der alten Stadt Lippstadt, dort, wo heute das leise Plätschern des Bürgerbrunnens an der Lange Straße 14 zu hören ist, stand einst ein echter Steinbrunnen – tiefer als jede Stimme reichen konnte, älter als die Häuser, die sich um ihn drängten. Im Stadtarchiv findet sich noch ein Eintrag: „Brunnen vor Haus Nr. … 1752“ – ein Hinweis darauf, dass hier einst eine Quelle sprudelte.
Doch was im Sommer 1724 geschah, machte diesen Brunnen zu einem Ort, über den man nur flüsterte. Anna M., eine junge Witwe, deren Mann in einem Bergwerksunglück ums Leben gekommen war, wohnte in einem der Häuser mit Blick auf den Brunnen. In den Kirchenbüchern der Marienkirche sind drei Todesfälle aus jenem Sommer vermerkt – zwei Kinder und eine Frau – mit der rätselhaften Bemerkung: „beim Brunnen?“ Niemand wusste genau, was geschehen war, doch man erzählte, in jener Nacht sei ein Schrei aus der Tiefe erklungen, und das Wasser habe sich bewegt, als wolle etwas daraus emporsteigen.
Am nächsten Morgen war die Oberfläche still – glatt wie ein Spiegel. Nur der Duft von Wachs und Rosen lag noch in der Luft. Und seither, so heißt es, erscheint jedes Jahr am 1. September, um Mitternacht, eine weiß gekleidete Gestalt: barfuß, mit langen Haaren, die ihr über das Gesicht fallen. Manche schwören, sie beuge sich über den Brunnenrand und flüstere: „Gib sie mir zurück …“
Ein alter Stadtarchivar, Herr E., der 1989 die Kirchenbücher einsehen durfte, notierte in sein Tagebuch: „Gegen Mitternacht, als ich das Archiv schloss, hörte ich ein leises Tropfen. Kein Regen, kein Hahn – doch der Duft von Wachs und Rosen war wirklich da.“
Noch heute, wenn man spät in der Nacht am Bürgerbrunnen stehen bleibt, spürt man plötzlich eine kühle Luft, die von unten aufzusteigen scheint. Dann, so sagen die Stadtführer, sollte man nicht in das Wasser sehen. Denn vielleicht blickt man nicht sich selbst entgegen – sondern in die Augen jener Frau, die von der anderen Seite des Spiegels wartet.
Zeugnisse aus der Gegenwart und geheimnisvolle Details – Ein Anwohner, Herr E., berichtete 1989, er sei um Mitternacht an der Stelle vorbeigegangen, wo der Brunnen einst stand, habe ein „leises Weinen“ gehört und ein weißes Tuch gesehen, das sich am alten Steinrand spiegelte – doch als er genauer hinsah, war nur Nebel und kalte Luft da. – 2014 fotografierte eine Architekturstudentin, Frau K., einen ungewöhnlichen Lichteffekt an der Stelle des ehemaligen Brunnens: Der Steinrand schimmerte kurz vor Mitternacht, als würde eine Tropfenlinie „wieder fallen“, obwohl der Brunnen längst zugeschüttet und abgedeckt war. – Stadtführer erzählen, dass immer mehr Besucher die Legende kennen – und wer wagt, einen Stein in den Brunnen zu werfen, höre angeblich ein leises Plätschern. Wissenschaftlich nicht erklärbar, doch Zeugen berichten, dass die Lufttemperatur dort um einige Grad niedriger ist – wie ein kalter Hauch der Vergangenheit.
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