Im alten Detmold, in der Mitte des 17. Jahrhunderts, wenn der Nebel wie ein stilles Gebet über dem Wasser lag, lebte Anna Maria Tintelnot. Sie war die Tochter eines Handwerkers, eine stille, fromme Frau, bekannt für ihr Wissen über Heilpflanzen. Viele suchten sie auf, wenn Kinder husteten oder das Vieh krank wurde. Man nannte sie „die Kräuterfrau vom Waldrand“.
Doch das Jahr 1653 brachte Unheil – Dürre, Missernten, Krankheit und Angst. Als das Kind eines reichen Kaufmanns erkrankte, begann das Getuschel: „Hat Anna Maria nicht wieder ihre Tränke gebraut?“ Aus Gerede wurde Verdacht, aus Verdacht eine Anklage.
Im Dezember 1653 stand ein Wächter des Landesherrlichen Gerichts zu Detmold vor ihrer Tür. Sie wurde abgeführt – zuerst in den alten Turm an der Bruchpforte, wo man sie verhörte über „nächtliche Tänze an der Wiembecke“ und „Teufelsbeschwörungen“.
Dreimal wurde sie befragt, dreimal gefoltert – auf der spanischen Stiefelbank. Doch sie gestand nicht. Im Protokoll steht:
„Sie beharrt auf ihrer Unschuld und spricht kein Wort gegen Gott.“
Damit war sie eine Seltenheit: Sie überlebte. Gegen Ende des Jahres 1654 gelang ihr, mit Hilfe eines Wächters, die Flucht. Ihr Weg verliert sich Richtung Hiddesen, doch die Legende erzählt, sie sei später in einem Dorf bei den Externsteinen gesehen worden, wo sie unter einem anderen Namen Kranke heilte.
Heute, wenn man durch die stille Gasse Anna-Maria-Tintelnot-Twete geht, zwischen alten Mauern, die noch den Atem jener Zeit tragen, scheint das Wasser im Brunnen zu flüstern: „Sie hat nicht gestanden.“
Und jedes Jahr am 31. Oktober zünden die Bewohner eine Kerze an ihrer Gedenkplatte an – nicht für eine Hexe, sondern für eine Frau, die die Dunkelheit ihrer Zeit überlebte.
Diese Geschichte wurde veröffentlicht am 29.10.2025
Autor des Artikels Schatzi
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